Berühmte Absolvent/innen – Heute: „Gego“ Gertrud Louise Goldschmidt

An den Hochschulen, die heute vom Studierendenwerk Stuttgart betreut werden, haben im Laufe der Zeit viele helle Köpfe studiert. In unserer neuen Reihe stellen wir einige von ihnen vor. Heute widmen wir uns im vierten Teil der Reihe Gertrud Louise Goldschmidt.

Gego als Studentin (1912); (Foto: Fundación Gego, Museo de Bellas Artes, Caracas, Venezuela)

Wie Lilo Herrmann aus dem dritten Teil unserer Reihe studierte auch Getrud Louise Goldschmidt in politisch schwierigen Zeiten an der Technischen Hochschule Stuttgart, die 1967 in Universität Stuttgart umbenannt wurde. „Gego“ – unter diesem Namen wurde sie später international als erfolgreiche Bildhauerin, Architektin, Zeichnerin und Installationskünstlerin bekannt – hatte es als Jüdin in den 1930er Jahren in Deutschland nicht leicht. Geboren wurde sie am 1. August 1912 in Hamburg. Zum Studium zog es sie in die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart, wo sie von 1932 bis 1938 Architektur studierte. 1935 wurde ihr ihre deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Einer von Goldschmidts Professoren war Paul Michael Nikolaus Bonatz, einer der Hauptvertreter der Stuttgarter Schule und ein bedeutender Architekt des Traditionalismus. Als einflussreicher Hochschullehrer unterstützte Bonatz die junge Studierende, als sich die politische Situation zuspitzte und sie ernsthaft in Gefahr brachte. Er und andere Professoren halfen ihr 1938, ihre Studienarbeiten möglichst schnell abzuschließen. So konnte sie zeitnah ihr Diplom ablegen und sich damit um eine Arbeitserlaubnis im sicheren Ausland kümmern. In der Reichspogromnacht, der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, entkam Gego in München nur knapp den Nationalsozialisten. Gegos Eltern gingen im März 1939 ins Exil nach England. Gego erhielt ein Arbeitsangebot in Venezuela, machte sich auf den Weg zu ihren Eltern nach Southampton in England und von dort weiter nach Caracas.

Das Hauptgebäude der Hochschule (um 1929), wo Gego studierte (Foto: Universitätsarchiv Stuttgart)

In Caracas musste sich die junge Absolventin aus Stuttgart abermals auf Arbeitssuche machen. Das Angebot, das sie in Deutschland erhalten hatte, bestand nicht mehr. 1940 trat sie eine Stelle in einem Architekturbüro an und kümmerte sich um den Bau öffentlicher Gebäude in Venezuelas Hauptstadt. 1952 erhielt sie die venezolanische Staatsbürgerschaft. 1961 bis 1967 lehrte sie als Professorin für Gouache und Aquarell an der Architektur- und Städtebaufakultät der Universidad Central de Venezuela. Außerdem war sie Mitbegründerin des Instituto de Diseño de Caracas, an dem sie von 1964 bis 1977 unterrichtete. Die 1960er und 1970er Jahre waren auch die Zeit, in denen Gertrud Louise Goldschmidt als Künstlerin am erfolgreichsten war. Als studierte Architektin arbeitete sie stark mit dem Element Raum und schaffte dreidimensionale Werke, die sie mit Draht und verschiedenen Metallen vernetzte. Je nachdem, wo sich der/die Betrachter/in im Raum befindet, verändern sich Gegos Werke und wirken immer anders. Ihre meistgenutzten Materialien waren u.a. Stahl, Draht, Nylon und Blei.

Getrud Louise Goldschmidt in Venezuela, Museo de Barquisimeto, 1985. (Bild: Photo; Anthony Russell. Fundación Gego Archive)

Neben Arbeiten, die viel Raum einnehmen, schuf sie auch die kleinformatige Serie „Dibujos Sin Papel“ (englisch: „Drawings Without Paper“). Dafür verwebte sie kleine Metallteile – die so entstandenen experimentellen Werke strahlen Spontanität und Bewegung aus. Gegos räumliche Werke bestehen aus Netzen und gitterähnlichen Materialien, mit denen sie ihren ganz eigenen Stil entwickelte. Ihre Arbeiten werfen Schatten, die eine ganzheitliche Verbindung zwischen Skulptur und dem umgebenden Raum offenbaren. In den späten 1960er Jahren entstand in Los Angeles ihr zehnseitiges Buch „Lines“: Es beinhaltet eine Reihe von Lithographien, alle in Grau und Rot. Gego starb im Alter von 82 Jahren am 17. September 1994 in Caracas. Ihre Erben gründeten die Stiftung Fundacion Gego, um ihr Andenken zu bewahren. Ihre bekannteste Werkreihe heißt „Reticulárea“. Sie befindet sich seit ihrem Tod in der Galería de Arte Nacional in Caracas.

 

 

 

 

 

 



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