Berühmte Absolvent/innen – Heute: Liselotte „Lilo“ Herrmann

An den Hochschulen, die heute dem Studierendenwerk Stuttgart angegliedert sind, haben im Laufe der Zeit viele helle Köpfe studiert. In unserer neuen Reihe stellen wir einige von ihnen vor. Heute widmen wir uns im dritten Teil der Reihe Liselotte Herrmann.

Lilo war eine Stuttgarter Widerstandskämpferin (Bild: Thomas Trueten)

Bei einem der Verhöre in dem Prozess wegen Hochverrats antwortete die zum Tode verurteilte Widerstandskämpferin und Antifaschistin Liselotte Herrmann dem Staatsanwalt: „Mein Herr, was wollen Sie von mir? Ich bin für Sie eine Tote, und Tote sprechen nicht mehr.“ In unserer heutigen Studi-Story geben wir Lilo eine Stimme, damit ihre Lebensgeschichte nicht vergessen wird. Sie studierte von Oktober 1929 bis September 1931 an der Technischen Hochschule in Stuttgart Chemie. In dieser Zeit engagierte sie sich in der „Roten Studentengruppe“ und in der Kommunistischen Jugend. Heute erinnert vor dem ehemaligen Wohnhaus ihrer Eltern in der Hölderlinstraße 22 in Stuttgart ein „Stolperstein“ an die Verhaftung der jungen Frau am 7. Dezember 1935. Lilo wurde ins Stuttgarter Polizeigefängnis in die Büchsenstraße gebracht. Ab dem 10. Februar 1936 bis zum 30. Juni 1937 befand sie sich in Untersuchungshaft im Stuttgarter Frauengefängnis in der Weimarstraße. Auch am Campus Stadtmitte in Stuttgart wird Lilo mit einem Gedenkstein geehrt. Am 23. Juni 1909 hatte die spätere Kommunistin in Berlin das Licht der Welt erblickt. Eigentlich hatte sie wie ihr Vorbild Käthe Kollwitz Malerin werden wollen, sich dann jedoch dem Wunsch ihres Vaters gebeugt und in ein naturwissenschaftliches Studium eingewilligt. Nach vier Semestern entschied sie sich, das Studienfach zu wechseln: Ab diesem Zeitpunkt widmete sie sich mit dem Einverständnis ihres Vaters der Biologie.

Der 1879 errichtete Erweiterungsbau der Technischen Hochschule Stuttgart, hier studierte Lilo auf Wunsch ihres Vaters zwei Jahre lang Chemie (Bild: gemeinfrei)

Lilo setzte ihr Studium ab dem 16. November 1931 in Berlin an der Friedrich-Wilhelm-Universität fort. Die mutige Studentin lebte im ständigen Bewusstsein der Gefahr: Nationalsozialistische Kommilitonen traten immer frecher auf, bedrohten jüdische und antifaschistische Mitstudierende und Professor/innen. Herrmann unterschrieb einen „Aufruf zur Verteidigung demokratischer Rechte und Freiheiten an der Berliner Universität“. Sie und 110 ihrer Berliner Mitstreiter/innen wurden von jedem weiteren Studium ausgeschlossen. Was war Lilo für ein Mensch? In Berlin hielt sie sich einen Axolotl als Haustier: einen im Wasser lebenden mexikanischen Schwanzlurch. „Jeder Mensch aber, der zu ihr hineingegeben wurde, erfuhr innerlich eine Wandlung, so tief ging doch ihr Einfluss, der umso größer war, als sie von einer ganz schlichten, warmherzigen, unmittelbaren Menschlichkeit erfüllt war, die auch dem einfachsten Menschen verständlich wurde. Politische Meinungsverschiedenheiten bedeuteten ihr menschlich keine Schranken“, so beschrieb Charlotte Behrends Lilo Herrmann. Behrends war Oberlehrerin in dem Frauengefängnis in Berlin, in dem Liselotte Herrmann als Todeskandidatin die letzten Monate ihres viel zu kurzen Lebens verbrachte. Besonders tragisch an Lilos Schicksal und ihrer Hinrichtung am 20. Juni 1938 in Berlin-Plötzensee mit gerade einmal 28 Jahren ist, dass sie junge Mutter war.

Lilo mit ihrem Sohn Walter (Bild: gemeinfrei)

Ihr Sohn Walter war bereits bei seiner Geburt am 15. Mai 1934 Halbwaise. Seinen Vater hatte er nie kennengelernt. Es war Fritz Rau, der als Redakteur bei verschiedenen Zeitungen der KPD gearbeitet hatte. Der in Stuttgart geborene Rau war im Dezember 1933 im Gefängnis in Berlin-Moabit Opfer der Gestapo geworden. Walter erfuhr erst 1991, wer sein Vater war. Nach dem Tod der Mutter wuchs er bei den Großeltern auf. Seine Großmutter, Lilos Mutter Elise, hatte sich am 16. Juni 1937 in einem Brief an „Frau Ministerpräsident Emmy Göring“ gewandt und darum gebeten, von der Vollstreckung des Urteils abzusehen. In einem Gnadengesuch an Adolf Hitler schrieb Lilo Herrmann selbst: „Auch im Hinblick auf mein Kind möchte ich diese Bitte aussprechen. Wenn ich bei dauerndem Aufenthalt im Zuchthaus meine Mutterpflichten, die mir das heiligste und liebste sind, nie mehr auch uneinigermaßen erfüllen könnte, so bliebe dem Kind aber wenigstens die Gewissheit, dass seine Mutter lebt und ihn liebt wie kein anderer Mensch und dass er sie nicht auf so grausame Weise hat verlieren müssen, was eine ungeheure innere sowie äußere Belastung zeit seines Lebens sein würde und was seine bisher so glücklich und gesund verlaufende Entwicklung tiefgreifend und nachhaltig erschüttern würde.“ Nicht nur die Familie setzte sich für Lilo ein: Die Nachricht von ihrem Todesurteil verbreitete sich im In- und Ausland. Viele Menschen waren tief betroffen, dass eine junge Mutter hingerichtet werden sollte. Leider konnten auch die „Commission d’amnestie“ in Paris, Komitees in vielen Ländern sowie Protestschreiben aus aller Welt, die wäschekorbweise in Deutschland ankamen, nichts gegen das Urteil ausrichten.

 

 

 

 

 



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